Zur Erklärung UBSKM/DBK

Der ECKIGER TISCH BONN, Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs zu Bonn- Bad Godesberg e.V. schließ sich der Meinung des Vereins Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e.V an.

Quelle: https://www.missbrauchsopfer-josephinum-redemptoristen.de/aktuelles-ab-01-05-2020/

03.05.2020  Alle Bischöfe stimmen Vereinbarung zur Aufarbeitung von Missbrauch zu. Vorreiterrolle für die Kirche?

Für den Kampf gegen den Missbrauch erscheint die Vereinbarung wie ein Meilenstein: Jetzt haben alle katholischen Bischöfe der Vereinbarung zur Aufarbeitung von Missbrauch zugestimmt. Aber nimmt die Kirche damit eine Vorreiterrolle ein?

Bereits am 24.04. haben wir über die Vereinbarung zwischen dem Beauftragten der Bischöfe für Missbrauch Ackermann und Herrn Rörig als Beauftragtem der Bundesregierung berichtet. In der Presse erfährt diese Vereinbarung ein durchweg positives bis euphorisches Echo:

https://www.domradio.de/themen/sexueller-missbrauch/2020-04-28/vorreiterrolle-durch-unabhaengige-kommissionen-bischoefe-stimmen-vereinbarung-zur-aufarbeitung-von

Wir als Opfervertreter sehen diese Vereinbarung jedoch so kritisch wie keine vorher:

In dieser Mitteilung steht zwar viel drin, aber das meiste sind Allgemeinplätze und Selbstverständlichkeiten. Wir sind mehr als skeptisch hinsichtlich diesen Rörig/DBK Erklärung. Wir lesen viel „könnte“ und „sollte“ 

Konkretes für uns als Opfer von kirchlichen Tätern können wir nur mit viel gutem Willen an einigen Stellen erkennen. Und auch die haben es in sich.

Fangen wir mit dem Positiven an: 

Selbstredend ist die Vereinbarung mehr als keine Vereinbarung und mehr als bisher vorhanden war. Die Kirche begibt sich zumindest dem äußeren Anschein nach in die Kontrolle der Gesellschaft (hier vertreten durch UBSKM). Die Kirche bekommt durch diese Vereinbarung – bezogen auf den Prozess der Aufarbeitung – nun auch amtlich abgesegnet ein gewaltiges Mitspracherecht eingeräumt, kann aber den Prozess wohl nicht mehr in allen Facetten gesichert dominieren. Das ist begrüßenswert. Unter der Prämisse, dass mehr nicht möglich war und die Kirche  jederzeit hätte vollständig zumachen können, ein leichter Fortschritt. 

Aber genau in diesem Punkt muss unsere Kritik beginnen: Da gibt es also eine bedeutende gesellschaftliche Institution, staatlich in vielfältiger Weise unterstützt, die sich über viele viele Jahre unglaublicher Verbrechen schuldig gemacht hat, indem sie Sexualstraftäter in ihren Reihen nicht zur Rechenschaft gezogen hat, ja sie sogar gedeckt und unterstützt hat. Eine Institution, die solchen Tätern vielerorts den Weg bereitet hat durch Schaffung bester Gelegenheitsstrukturen, durch Schutz der Täter und durch das Verschweigen der Taten bis hin zu Einschüchterungsversuchen den Opfern gegenüber. Wer anderes als als die Kirche könnte sich solcher Verbrechen schuldig gemacht haben, ohne dass es eine staatlich angeordnete Untersuchung gegeben hätte? Und die Politik lässt jetzt, nach 10 Jahren Missbrauchsskandal, die Handlungskompetenz weiter bei der Institution, die diese Verbrechen ganz offensichtlich nicht aufdecken wollte und bejubelt, dass die Kirche sich nicht gänzlich der Aufklärung apodiktisch verweigert! Warum gibt es nach 10 Jahren Missbrauchsskandal in Deutschland keine vom Bundestag beauftragte Wahrheitskommission mit weitreichender Kompetenz? Ist dieser Staat zur Bananenrepublik verkommen, die es erlaubt, dass die Verantwortlichen ihre Verbrechen wesentlich selbst aufklären? 

Wie kann es sein, dass die Institutionen der Kirche, die wahrscheinlich die Mehrzahl der Täter stellen, nämlich die Orden gänzlich unter dem Radar der Politik, der Presse und der gesamten Öffentlichkeit fliegen, nicht einmal in diesem Papier erwähnt werden?

Das Papier leistet insofern weiterer gezielter Täuschung Vorschub: das Papier spricht von der Aufarbeitungsbereitschaft der Kirche, tut so, als spreche es für die gesamte deutsche katholische Kirche. Es ist dem Papier nicht mal eine Fußnote wert, zu erwähnen, dass die Orden hier gar nicht beteiligt sind. Der staunende Bürger könnte soll wohl glauben, die Kirche als Ganze wolle aufarbeiten, was aber mitnichten der Fall ist. Die Kirche tut so, als gäbe, als gäbe es die Orden nicht und die Orden gerieren sich, als gelte Grundgesetz und Rechtstaat für sie nicht. Jeder Täterorden, der jetzt nicht aufsteht und nicht mindestens eine Vereinbarung mit dem Beauftragten der Bundesregierung einfordert, verliert in unseren Augen seine Existenzberechtigung.

Die Orden fühlten sich bezüglich der gesellschaftlichen auch von der Bundeskanzlerin 2010 ausgesprochenen Aufarbeitungsverpflichtung offensichtlich so wenig angesprochen, dass sie zu den Gesprächen des Unabhängigen Beauftragten erst gar nicht erschienen. Soweit wir gehört haben, haben sie sich für ihr Nichterscheinen nicht mal entschuldigt sondern die entsprechende Einladung zu den gemeinsamen Gesprächen offensichtlich einfach in den Papierkorb geworfen. Ein kircheninterner Skandal ohne Beispiel.

Was bitte ist denn der so gerühmte Orden der Jesuiten jetzt noch wert? Was ist von den hehren Worten einiger seiner Vertreter, dass sie verstanden hätten, zu halten? Die Orden haben als Gesamtheit in unseren Augen jeden Respekt verloren. Übrig bleiben bei uns Ordensbetroffenen Enttäuschung, Verachtung und erneuter Zorn ohnegleichen.

Ach ja. Da gibt in diesem Papier schlussendlich auch ein paar konkrete Hinweise auf die inhaltliche Gestaltung des Aufarbeitungsprozesses- die aber in krassem Gegensatz stehen zu dem, was der UBSKM bisher immer gefordert hat: institutionelle Unabhängigkeit der Aufarbeitung, nicht zuletzt um ein Gesamtbild zu bekommen. Gerade das wird jetzt verunmöglicht Jede Diözese kann ihr eigenes Aufklärungsdings basteln. Der ganze Prozess zerfasert und das mit Einwilligung des Beauftragten. Besser als Nichts? Wir haben hier unsere Zweifel. Konkret wird es beim Zeitplan, immerhin! Aber der, der hat es in sich. Weitere 5 Jahre sollen vergehen, bis Ergebnisse vorliegen. Das weckt die bösesten Befürchtungen: Wird hier auf Zeit gespielt? Wird gar bewusst darauf abgezielt, dass noch mehr Zeugen versterben?

Immerhin, man liest in diesem Papier auch von seelsorgerischer und psychotherapeutischer Hilfe. Von Entschädigung ist im Übrigen mit keinem Wort die Rede, obwohl der Begriff sich doch im Zusammenhang mit Aufarbeitung und diesem Papier mehr als aufdrängt. Das Wort gar nicht mehr in den Mund zu nehmen, scheint vermeintlich gegen die immer wieder aufflammenden Forderungen der Opfer zu helfen. Kinderei das Ganze oder böses Spiel.

Wer nicht glauben konnte, dass jemals die Funktion der Kirche als moralische Instanz akut gefährdet sein könnte, wird eines Besseren belehrt, weil die Kirche weiter auf Zeit zu spielen scheint und hartnäckig auf ihrem zweifelhaften Privileg beharrt, dass sie ihre eigenen Verbrechen selber aufklären darf. In diesem Zusammenhang überhaupt noch über einen vom besonderen Kredit der Orden zu sprechen, verbietet sich in Zukunft von selbst. Sie haben sich ins Abseits gestellt. Da scheinen sie sich wohl zu fühlen.

Diese Vereinbarung hat kein Lob verdient. Von einer Vorreiterrolle ist die Kirche weiter entfernt als je.

Siehe auch den Artikel von Claudia Mönius: „Jetzt werden wieder neue Gremien gegründet. Und dann?“ Missbrauchsopfer sieht Vereinbarung zur Aufarbeitung skeptisch. Die jüngst geschlossene Vereinbarung von Kirche und Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs stößt auf Kritik. 

https://www.katholisch.de/artikel/25392-missbrauchsopfer-sieht-vereinbarung-zur-aufarbeitung-skeptisch