Mehr Missbrauchsopfer als Jesuiten in Deutschland

Bonn/Berlin. Anlässlich der am 02. Oktober 2016 in Rom beginnenden 36. Generalkongregation zur Wahl eines neuen Generaloberen des Jesuitenordens stellt der ECKIGE TISCH BONN – Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs zu Bonn- Bad Godesberg e.V. fest:

 

In unserem Land leben mehr Menschen, die von Jesuiten missbraucht wurden, als der Orden in Deutschland noch Mitglieder hat.

Dieser erschreckenden Bilanz müsse sich der Jesuitenorden bei seiner ‚Generalversammlung‘ stellen und Verantwortliche benennen. Eine nennenswerte Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten für die Missbräuche im Orden habe noch nicht begonnen, so die Betroffenen sexuellen Missbrauchs am Aloisiuskolleg und weiter: Vielmehr erhielten z.B. bis zum heutigen Tag einzelne Ordensmitglieder, die Missbrauch in ihrem Verantwortungsbereich[i] wissentlich zugelassen haben, von der Ordensleitung Rückendeckung und würden nicht zur Rechenschaft gezogen. Das sei ein deutliches Signal der Verantwortungslosigkeit, über das auch die Tatsache nicht hinwegtäusche, dass heute sich einzelne Ordensmitglieder als Aufklärungs- oder Kinderschutzexperten hervortun. Der Orden scheine zur Aufarbeitung selbst nicht in der Lage zu sein.
Er bleibe öffentlich sichtbare Konsequenzen schuldig, so die Betroffenen.

Seit den Zeiten des Ordensgründers wollen sich die Jesuiten um die „rudes“ (lat. für Kinder und sog. ‚einfache Menschen‘) kümmern.[ii] „Bei einer Vereinigung deren Mitglieder zusätzlich zur Papsttreue feierlich geloben: ‚In diesem Gehorsam verspreche ich, mich besonders um die Erziehung der Jugend zu mühen‘,[iii] darf man u.E. hinsichtlich der heutigen Ergebnisses dieser Bemühungen die Frage nach der Existenzberechtigung des Ordens und den Hintergründen seines Scheitern stellen, so Heiko Schnitzler, Vorsitzender des Eckigen Tisches Bonn e.V. Die ‚Verantwortungslosigkeit‘ im Amt muss beendet werden: Wenn beispielsweise ein Pater genau dieses Ordens, welcher das Kindeswohl der ihm Schutzbefohlenen zugunsten eines befreundeten Mitbruder und Missbrauchstäter geopfert habe, im Orden unbehelligt bliebe, lege das den Schluss nahe, dass kein Jesuit bei Verfehlungen im Amt mit Sanktionen zu rechnen habe. Das sei kein gutes Zeichen für die Prävention, so die Betroffenen vom ECKIGEN TISCH BONN.

 

Zur Deutschen Provinz zählen nach Angaben des Ordens zur Zeit noch 356 Jesuiten, [iv] (von denen nach Informationen des ETB ca. die Hälfte 70 Jahre oder älter ist). Diesen stehen, nach Ordensangaben bislang 174 (Stand 30.05.2016) Personen gegenüber, die sich als Betroffene sexueller Übergriffe oder Gewalttätigkeiten dort gemeldet hätten. [v] Die Zahlen des Ordens können jedoch, bezogen auf die Untersuchungsberichte, nicht nachvollzogen werden. Aufgrund der Kenntnislage und Recherchen gehen die Betroffenen von einer mindestsens zehnfachen Dunkelziffer aus, also mindestens geschätzte 400 Personen allein am Aloisiuskolleg  – die anderen Einrichtungen noch nicht mitgerechnet.

Schätzung der Dunkelziffer am Beispiel des Aloisiuskollegs:
Der Zinsmeistersbericht, der zur Untersuchung der Missbrauchsfälle von den Jesuiten in Auftrag gegeben wurde (2011)[vi] kennt 55 Berichte von namentlich bekannten Personen, die Grenzverletzungen nur am Aloisiuskolleg erlebt oder wahrgenommen haben. Bis heute sind noch einige weiter Berichte hinzugekommen. 36 „Fälle“ werden dort allein einem Täter zugeschrieben. Hieraus geht ein eindeutiges Tat- und Verhaltensmuster hervor, welches den Schluss zulässt, dass in den mehr als 40 Jahren, die allein dieser Täter am Kolleg ein „pädophiles Himmelreich“[vii] unterhielt (und nicht entfernt wurde, nachdem bekannt war was er trieb) deutlich mehr Übergriffe stattgefunden haben müssen. Zudem Berichten Zeugen von hunderten Fotos, auch Nacktfotos die der Täter von Kindern machte. [viii] Hinzu kommen hinzu, Betroffene von sexueller Gewalt aus den 1940er bis -60er Jahren mit mind. 16 weiteren Jesuiten-Tätern. (Der Vollständigkeit halber erwähnt seien hier auch die Opfer von nichtjesuitischen Mitarbeitern des stets durch Ordensleute geführten Aloisiuskolleg[ix])

pm-etb-zur-36-generalkongregation-der-jesuiten-02-10-2016

Recherchehinweise:
[i] Ebba Hagenberg-Miliu: Unheiliger Berg, Kohlhammer, 2014 S. 174ff

[ii] http://ignatius.de/wp-content/uploads/2014/10/Ignat.festschrift-Bildschirm_ausgabe.pdf#search=rudes

[iii] http://www.jesuiten-sankt-georgen.de/sites/default/files/koester2.pdf

[iv] http://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/zahlen.html

[v] http://www.jesuiten.org/fileadmin/Redaktion/Downloads/Zwischenbericht_Meldungen_-_30.05.2016.pdf

[vi] https://www.jesuiten.org/fileadmin/Redaktion/Downloads/Abschlussbericht_AKO_Zinsmeister.pdf

[vii] http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/Ako-Skandal-Jesuiten-Buch-nennt-erstmals-T%C3%A4ternamen-article910001.html

[viii] Vgl. Ebba Hagenberg-Miliu: Unheiliger Berg, Kohlhammer, 2014 S. 57ff

[ix] http://www.jesuiten.org/fileadmin/Redaktion/Downloads/0_B-Bericht_final_2013-06-03_nach_Vgl.pdf